Charaktere: Warum mir die Lieblingsfarbe meines Helden scheißegal ist

Viele Schreibratgeber propagieren eine Ausarbeitung der Hauptcharaktere bis ins kleinste Detail. Ich halte das im besten Falle für nutzlos, im schlimmsten für kontraindiziiert. Warum sollte mich (oder, wichtiger noch, die Leser) die Lieblingsfarbe meines Protagonisten interessieren? Warum sollte es wichtig sein, ob mein Held am liebten Schokoladeneis futtert oder Pfirsisch-Banane-Nuss? Warum sollte ich das Äußere in allen Einzelheiten aufzählen, von der Haar- und Augenfarbe bishin zur kleinen Falte über dem linken Grübchen?

Sicher, als Rat wird diese Charaktersierung bis hinunter zur Form des linken kleinen Zehs ja eher als Übung, als privaten Steckbrief für den Schreiber selbst empfohlen. Ich sehe in dem Zusammenhang aber zwei große Probleme:

  1. Die Gefahr besteht, dass ich als Autorin oder Autor meine Kenntnisse doch auch unmotiviert in den Text schreibe – schließlich habe ich mich wochenlang mit der Ausarbeitung des Charakters beschäftigt.
  2. Die Vorstellungskraft meiner Leser wird möglicherweise durch zu exakte Abbildung eingeschränkt und in Ketten gelegt. Formuliere ich einen Charakter mit zu ausufernden Details, ist kein Platz mehr für eigene Erfahrungen und Vorstellungen. Für die eigene Phantasie.

Ich will damit beileibe keine Lanze für Holzschnitt-Charaktere brechen – die Psyche der Figuren auszuarbeiten, das kompexe Geflecht aus Ängsten und Sehnsüchen in der Geschichte lebendig werden zu lassen: Das bedeutet Charakter. Nicht die Lieblingseissorte. Und nur in diesem seltsamen Yin-Yang aus Charakter und Handlung entwickelt sich eine gute Geschichte.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Es braucht nur ein, zwei äußerliche Identifikationsmerkmale (die freilich zwingend), um einen Rahmen entstehen zu lassen, den wir Leser mit unserer Phantasie füllen. Harry Potter hat eine Narbe auf der Stirn (ja, und eine Brille, und er ist nicht der größte …), viel mehr braucht es nicht. Was blieb von Bastian Balthasar Bux in Erinnerung? Sein Name (und dass der Junge Phantasie hatte). Der Held von Stephen Kings Dunklem Turm hat lange Zeit nicht einmal einen Namen: Er ist der Revolvermann. Er hat zwei Revolver, die länger beschrieben werden. Aber Roland, der anfangs noch namenlose Revolvermann selbst? Das geht schnell:

„Seine Kleidung hatte die Farblosigkeit von Regen und Staub. Das Hemd war am Hals offen, eine Wildlederkordel baumelte lose in handgestoßenen Löchern. Seine Hosen waren aus genähtem Kattun.“

Fertig. Eigentlich hätte schon der eine, großartige, von mir nochmal verknappte Satz genügt: „Seine Kleider hatten die Farbe von Regen und Staub.“

Also, vertraut auf die Phantasie Eurer Leserinnen und Leser!

Und sollte doch irgendwann einmal die Lieblingseissorte meines Heldens wichtig werden (weil seine Geschmacksnerven Amok laufen oder er seine Geliebte mit ausgefallenem Gaumen und Gout beeindrucken will) – dann wird mir die Figur schon alles verraten, was ich wissen muss …

 

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4 Gedanken zu “Charaktere: Warum mir die Lieblingsfarbe meines Helden scheißegal ist

  1. Richtig. Besonders Punkt Zwei ist das Argument an sich. Das Wichtigste ist doch beim Lesen jenes Bild, welches in den Köpfen entsteht. Wer bin ich denn, dass ich das untergraben will? Oder das Bild wegnehme? Leider fordern viele Leser mehr Details. Darüber bin ich immer sehr verwundert. Und vielleicht (Achtung, Und-Satz) ist das auch eine Art Gesellschaftsding: Wir wollen immer mehr vorgesetzt bekommen.
    Ach nee, dann nehme ich lieber den unbequemen Leser als den faulen.
    Zustimmend Grüße, Julia!

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, das stimmt: Viele wünschen sich tatsächlich mehr Details – warum auch immer. Meine Theorien dazu wären: 1. Das sind alles Freunde von Autoren wie Thomas Mann, der doch gerne in Details schwelgt (notabene: Nichts gegen Mann, ich verehre den Mann (Kalauer, tschuldigung)). 2. Vielleicht liegt’s auch an den visuellen Medien (zum Beispiel am Serien-Boom), wo wir eben vorgefertigte durchgestylte Helden bekommen …

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      1. Könnte sein. Ich bringe hier auch gern King an (Verehren wir vermutlich beide ), der z.B. schafft das ganz subtil. So wie das Beispiel, welches Du gebracht hast. King schafft es, einen Mantel zu beschreiben, bei dem ich mich dann frage, wie nun das Gesicht aussehen könnte von einem, der so so einen Mantel tragen würde. Fetzt!
        Ich habe den Anspruch an mich, Charakter auch durch wörtliche Rede zu zeichnen. Da hast Du einen Dialog, und genau das Bild der Protagonisten dazu vor Augen. Das finde ich toll. Bei Simon &Co. geht mir das übringens auch oft so.

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