4. Kapitel, 1. Szene

Er war wach. Natürlich. Wieder lehnte Simon Segur an einer der Wände der vereisten Aufbauten, die wie zusammengekauerte Tiere auf dem Oberdeck der MS Cohiba hockten. Wieder war die Nacht eine fette Zunge, die das Schiff mit Schwärze und Kälte abschleckte. Aber nicht mit Stille. Zwar war das Kreischen des Eises nach der Dämmerung verstummt, aber der Himmel hing voller Wolken. Hoch aufgetürmt, dick, zernarbt mit Blitzen – sie wollten die Sterne nicht nur verdecken sondern verschlingen. Diese Nacht roch nach Sturm, nach Gewitter, roch nach dunkler Wut. Simon liebte solche Nächte. Seit Stunden schon war er hier oben, wartete auf den befreienden Schlag. Mal stand er, mal hockte er; mal rieb er die Hände gegen die Kälte, mal ließ er die Arme in Windmühlen kreiseln. Er wartete, aber das Gewitter spielte mit dem Schiff wie eine Katze mit der Maus. Der Sturm umkreiste die MS Cohiba, aber schlug nicht zu mit seinen blitzenden Zähnen und donnernden Tatzen. Nur selten rollte ein Dröhnen vom Himmel, grollend und tief, als knurrte dort oben jemandem der Magen, ja, der Himmel hatte Hunger, dreimal Aye, Kap’tai. Die Luft zitterte, um Simon Segur schwankte es leicht, aber das Gewitter brach nicht los.

Er wartete und schaute die Dunkelheit an. Sie blickte zurück, mit grauen Augen, denn das Eis mischte sein Weiß mit dem Schwarz der Nacht.

Graue Augen. Wie meine.

Simon schaute die Dunkelheit an. Schnitt dabei in seinem Kopf herum, schabte und stocherte nach Erinnerungen. Ihr alter Ausbilder, Leutnant Ihr-werdet-Vater-und-Mutter vergessen-aber-nicht-mich Mr. Ross hatte sie nicht nur durch Parcours getrieben, auf Schießplätzen gequält und ihre Körper aufgepumpt. „Dein wichtigster Muskel, Simon“, hatte er immer wieder gesagt, „ist der hier.“ Und hatte sich an den Kopf getippt. „Du hast deine P 12, ein guter Kamerad ist das, eine nette Pistole. Macht schöne Löcher. Aber die besten Freunde sind deine Gedanken. Die musst du trainieren, mit denen musst du schießen. Gedanken, das sind die Kugeln, die richtig fette, große Löcher machen. Trainiere sie. Schärfe sie. Streng dich einfach mehr an, kleiner Scheißer!“

Jetzt, viele Jahre später (wieviel auch immer), strengte Simon sich an. Er versuchte, die beängstigende Mauer vor seinen Erinnerungen mit dieser Waffe zu durchlöchern. Wie lange war er schon auf der MS Cohiba? Wie lange im Eis? Wo war er geboren? Wann? Wen hatte er geliebt? Jede Frage ein Schuss gegen die Wand in seinem Kopf, jeder Schuss ein Treffer. Aber alle wirkungslos: Die Mauer blieb glatt, stark und uneinnehmbar. Weiter, dachte Simon. Mach einfach weiter. Diese geschmierten Wörter in der Bibliothek, du kennst sie: UND SIEHE, DER STERN GING VOR IHNEN UND SIE FOLGTEN IHM. Du kennst das. Stammt aus einer alten Geschichte. Einer Legende, einem Märchen. Erinnere dich, verdammter Bastard!

Kein Riss. Die Wand in seinem Kopf blieb glatt und undurchdringlich wie eine vom Meeresdruck senkrecht nach oben geschobene Eisscholle.

Seine Waffe war stumpf. Das raunende Donnern um ihn herum kam nicht vom Bersten der Mauer, sondern von den Wolken über Simon. Er blinzelte, streckte sich und starrte hinauf. Die wabernde, schwarzgraue Wolkenschicht hing genau über ihm, er konnte ihre Bewegungen trotz der Dunkelheit erkennen, ihr wattiges Fingerspreizen, ihr Jagen und Tanzen. Ein Blitz zuckte.

Endlich.

Der Donner applaudierte grummelnd und lang. Aber kein Regen fiel. Kein Schnee. Kein Hagel. Simon starrte hinauf.

„Na los, mach schon! MACH!“

Wen rief er? Die Wolke? Den Himmel? Gott? Für die Seelords gab es keine Religion. Die Mârins glaubten an Disziplin und Gehorsam, an großspurige Sprüche wie „Den Frieden zu wahren, gerüstet zum Streit.“ Das wenige, was zum Thema Glauben zu sagen war, das hatte Ross ihnen schon am ersten Tag ihres Lernens ins Gesicht gebrüllt: „Mein Name ist Ross. Mein Vorname Leutnant. Und das buchstabiert sich Gustaf-Oscar-Tango-Tango! G-O-T-T.“

Erinnerte er sich wirklich? Simon wusste es nicht. Er glaubte. Glauben, ja, dieser Satz mit dem Stern, war das nicht eine Geschichte aus der, wie hieß das uralte Buch, los Joker, gib mir die Karte, mach!

Bibel, kicherte der Erinnerungsjoker in seinem Kopf.

Simon stierte in den Himmel, aber das Gewitter, unerlöst und schwer, schien sich wieder zurückzuziehen. Ein knurrendes Tier an der Kette. Keine Befreiung. Aber ein Summen.

Ein Sirren. Nicht das Eis, nein.

Spannung.

Elektrizität.

Aye, das war der Tag der erinnerten Worte heute. Konnte das sein? Bibel und Elektrizität? Glaube und Wissenschaft?

Feuer flackerte im Himmel auf. Grell und heiß.

Oben, noch über den Aufbauten der Brücke, ragte ein krumm gebeugter Funkmast in die Höhe, verästelte sich wie ein metallischer Baum, eine künstliche Koralle. Und dort blitzte es. Funkelte es. Brannte es.

Elmsfeuer“, flüsterte Simon. Erst an der höchsten Spitze des Funkmastes, dann auch an den Querstreben glühlte das alte Schicksalsfeuer der Seeleute, sprühte in gelben Büscheln zur Nacht hinauf und explodierte in fauchenden Strahlen.

Feuer und Eis. Glaube und Wissen. Vergessen und Erinnerung.

Simon Segur brüllte. Nie war er dem Wahnsinn näher gewesen als in dieser Nacht, in der das Elmsfeuer brannte.

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2 Gedanken zu “4. Kapitel, 1. Szene

  1. Okay. Du hast mich.
    Im vorletzten Kapitel waren es einige mehr Adjektive, oder kam es mir nur so vor? Ansonsten sehr gut dicht geschrieben. Hast Du eigentlich sowas wie eine Formel, dass Handlung und Vorstellung der Charaktere gleichermaßen vorangetrieben werden?
    Ich finde die Geschichte bisher sehr stimmig, der Spannungsbogen ist flüssig und steigt nun.
    Ähm… wann geht’s weiter?

    Gefällt 1 Person

    1. Freut mich! Vielen Dank!
      Jaaa, Fluch und Wonne der Adjektive – ich war nie ein Freund der gnadenlosen Ausrottung dieser Tierchen …
      Nein, eine Formel habe ich leider noch nicht gefunden, die wirklich klar macht, wie Charakter und Handlung sich gegenseitig tragen und voran bringen. Sorry 🙂
      Weiter geht’s erst in ein paar Tagen. Vorher stelle ich den bisherigen Romantext noch als PDF und epub-Datei zwecks Download-Möglichkeit zusammen – da ich kein Technikfreak bin, dauert das leider ..

      Gefällt mir

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