3. Kapitel, 3. Szene

Lorielle winkte mit grauem Gesicht. Die vier anderen Mârins gingen zu ihr in kleinen Schritten, schoben sich an den Regalen entlang ohne sie zu berühren. Mike brummte leise, Theo presste die Lippen zusammen. Joshua schirmte seine Kerze ab, Simon unterdrückte ein Niesen, das Kribbeln von vertrockneter Zeit in der Nase. Lorielle wartete stumm, reckte ihr Kinn zu dem Tisch, vor dem sie stand. An ihm saß der letzte Leser dieser Bibliothek tief unten im Bauch der MS Cohiba. Seine skelettierten Unterarme ruhten auf den Lehnen des Stuhls, die Knochen sauber und weiß, die Augenhöhlen des Totenschädels groß und schwarz.

„Mann!“ Mike trat grinsend an das Skelett. „Da können wir endlich mal wieder Fußball spielen.“

Er packte den Schädel und zog, aber auch er zerfiel – wie eben noch die Bücher – zu Staub.

„Aber …“ Der Bär machte einen Schritt zurück, sein Grinsen fiel wie ein vereiterter Zahn aus seinem Mund. Immer noch rieselte das Skelett, zerbröselte, zerfaserte, denn die eine Berührung schien ein unsichtbares Feuer entzündet zu haben, das den Knochenmann verbrannte.

Als Mike den Schädel berührte, hatten sie ein Klacken gehört. Simon Segur bückte sich danach: Ohrstöpsel, die wohl an der Knochenwulst der Schädelschläfe hängen geblieben waren. Müde, oh ja, auf einmal war Simon wirklich müde. Diese Nacht würde er nicht an Deck stehen und zu den Sternen starren, diese Nacht nicht, das sagte er sich, das glaubte er, obwohl er gleichzeitig wusste: Lüge. Auch heute würde er der dunklen Stille lauschen, dem Gesang des schlafenden Eises.

Er drehte die kleinen Kopfhörer zwischen den behandschuten Fingern. Folgte mit seinen Augen dem Kabel, das zu einem kleinen Gerät auf der Tischplatte führte. Simon grub in seinem Kopf und zog einen Erinnerungs-Joker: Miniplayer. Er beugte sich vor. Irgendwo über ihnen stöhnte verbogener Stahl, das alte Schiff klagte dröhnend im Eis. Dann wieder Stille. Der Atem der Fünf, das kaum wahrnehmbare Schlürfen der Kerzen, wenn Wachs verbrannte. Seine Kerze stellte Simon auf dem Tisch ab, griff nach dem Miniplayer, schob sich die Stöpsel in die Ohren hinein. Kaltes Plastik, kalt vom Eis und kalt vom Tod. Er musterte die winzige Maschine in seiner Hand und drückte auf Play. Natürlich konnte das Ding nicht mehr funktionieren. Nichts funktionierte mehr auf der MS Cohiba, keine einzige Maschine, kein Gerät, kein Automat. Nichts.

Bis auf das hier.

Yesterday“, hörte Simon so leise und hauchend, dass er an seiner Wahrnehmung zweifelte. Nur dies eine Wort. Englisch, wusste er, dachte er. Dann wieder, melodisch und traurig: „ … Yesterday, all my troubles seemed so far a-“.

Tot.

Dreimal tippte er mit kalten Fingern auf Play, bevor er die jetzt nutzlosen Stöpsel aus den Ohren zerrte. Ein Lachen stieg in ihm auf, böse und groß, aber er drängte es zurück. Schluckte es wie eine Wolke Mykros. Aber das Lachen rumorte im Bauch. Wieder dröhnte die MS Cohiba, ein metallisch dumpfes Klong aus weiter Ferne, ein Gongschlag oder ein lachendes Ho, ho! Wahrhaftig, das Schicksal lachte über sie. Simon begriff nicht, was mit ihnen passiert war oder noch passierte. Mit ihm, mit den Mârins, mit dem Schiff. Mit der Menschheit. Wie lange brauchte ein Toter, um zum Skelett zu werden? Nicht so lange. Aber wie lange dauerte es, bis ein Skelett zu Staub zerfiel? In dieser Kälte? Zwischen Eis und gefrorenem Metall? Jetzt war es Simons Kopf, der dröhnte. Das Schicksal lachte mit tiefer Bass-Stimme über die letzten fünf Mârins dieser Welt.

„Mein Gott“, stöhnte Simon und drehte sich zu den anderen. „Wie lange sind wir auf diesem Schiff?“

Keiner antwortete. Keiner wusste es. Die Erde hatte einen Schubs bekommen. Die Zeit ging nicht mehr, sie hüpfte, sprang vor und zurück, dehnte sich und zog sich zusammen wie es ihr passte.

Nein, keiner von ihnen antwortete. Aber Joshua hob seine Kerze hoch über den Kopf und beleuchtete die Wand vor ihnen. An der Tisch und Tod gestanden und gesessen hatten.

Ungelenke Blockbuchstaben leuchteten im Licht. Geschrieben mit einem, ja, Edding, noch eines der verschluckten Wörter, aber Simon fiel es ein, als er den dicken Stift auf der Tischplatte entdeckte, ein Filzstift, ja, dessen Miene schon längst eingetrocknet sein musste und nur müde knackte, als er ihn ausprobierte. Aber die Worte an der Wand konnten sie lesen, schwach, begraben unter Staub und Dreck und viel, viel Zeit, das ja, begraben, aber immer noch lesbar:

U N D  S I E H E , D E R  S T E R N  G I N G  V O R

I H N E N  U N D  S I E  F O L G T E N  I H M .

„Scheiße, Mann.“ Mike wischte sich über den kahl rasierten Schädel. Trotz der Kälte hatte er seine Kapuze vom Kopf gerissen. Simon sah die Schweißtropfen wie rollende Diamanten im Kerzenlicht glitzern. Der Bär rieb sie ab. „Ich will raus hier. Sofort.“

Keiner widersprach.

Direkt weiterlesen …

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4 Gedanken zu “3. Kapitel, 3. Szene

  1. Jetzt wollte ich eigentlich nur den nächsten Beitrag lesen und meinen Senf auch dazu abgeben, aber ich wollte trotzdem einfach weiterlesen. Zugegeben, nicht mal, weil es besonders spannend im klassischen Sinne war – tatsächlich einfach nur, weil ich wissen wollte, wie es weitergeht. Und das halte ich für ein noch besseres Zeichen, als einfach nur „Spannung“, die einen dazu bringt, weiterzulesen. Weil es interessant ist. Dadurch, dass du nur so wenig enthüllst, aber gerade mal genug, dass man sich nicht – Verzeihung – verarscht fühlt, will man wissen, was da jetzt eigentlich los ist. Nach und nach wird das post-apokalyptisch anmutende Szenario enthüllt, erklärt. Das ist defintiv eine große Stärke. Jetzt nur noch aufpassen, dass die Geschichte die (Meta-)Versprechungen auch einhält und sich tatsächlich eine Story entwickelt, in die man als Leser auch voll involviert wird.

    Dazu sei auch noch gesagt, dass du echt wunderbar mit Worten jonglieren kannst. Ich hätte weder Ambition noch Geduld für so etwas. Meistens wirken deine Texte dadurch enorm ästhetisch, man könnte schon beinahe sagen sphärisch, manchmal allerdings, das habe ich ja bereits angesprochen, ist es aber auch zu viel des Guten. Weniger würde auch ausreichen. Oder vielleicht stattdessen mehr auf tatsächlich konkrete Dinge eingehen, als auf mit feinen Worten ausgedrückten Vergleichen. Es sind, finde ich, vor allem die Vergleiche und der Symbolismus, der mir eher weniger gefällt, gerade weil er zu häufig vorkommt.

    Ich nehme mal das „Dreimal Aye, Kap’tai“, um ein Beispiel zu nennen. Die Mârins sind Seeleute, verstanden. Es hilft dabei, den Leser etwas mehr in die Welt zu nehmen, indem man mitbekommt, welche Sprüche und Redensarten denn hier so verwendet werden, okay – aber mittlerweile hat man das „Dreimal Aye“ bestimmt schon mindestens drei Mal gelesen. Und so lang ist die Geschichte ja noch nicht. Ich würde das etwas mehr verteilen, sonst bekommt es schon fast einen aufdringlichen, beinahe lästigen Charakter. Oder das mit dem Erinnerungs-Joker.
    Anderes Beispiel: du nimmst oft die Mykros als Vergleich. Und während es gut ist, sie schon im Vorfeld zu erwähnen (in die Welt einführen und so, dem Leser zeigen, was eben an der Tagesordnung bei den Mârins ist…), bin ich der Meinung, dass es auch hier etwas inflationär getan wird. Mir persönlich wurde schon recht früh klar, dass die Mykros unseren Protagonisten ständig durch den Kopf gehen (bzw durch ihre Eingeweide im schlimmsten Fall). Anders ausgedrückt: so fantasievoll, wie du mit deinen Worten umgehen kannst, fallen dir bestimmt auch andere Beschreibungen ein, die nicht immer über so eine Intertextualität verfügen müssen und auf spezifische Eigenheiten der Welt deuten.

    Aber nichts, was mich davon abhalten würde, weiterzulesen! Ich find’s schön, dass du offen für Kritik bist. Ich will nicht schleimen, aber bei dem sprachlichen Niveau auf dem du schreibst, würde ich’s auch verstehen, wenn du dir da von mir nichts sagen lassen würdest.

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  2. Abermals Dank für Deine ausführlichen Zeilen – das ist ja schon Lektoratsarbeit, die Du machst 🙂
    Ich bin selbst froh keiner von jenen zu sein, die glauben, jedes hingerotzte Wort sei der Weisheit letzter Schluss und Kritik ihrer Unwürdig. Im Gegenteil. Gerade weil ich soviel Spaß an der Wörterarbeit habe, bin ich eigentlich ständig am korrigieren. Da ist eigentlich so ein „Stückchen“-Projekt wie hier eher schwierig …
    Egal, jedenfalls stimme ich Dir abermals zu – ist halt echt schwer die Balance zu finden zwischen Zuviel und Zuwenig. Ein paar „Aye, Kap’tai“ werde ich jedenfalls definitiv rausnehmen 🙂 Das mit den Mykros ist mir dagegen noch überhaupt nicht aufgefallen – merci.
    Und ob ich die Meta-Versprechung einlöse kann? Na, hoffentlich. Ungefähr die ersten hundert Seiten sollen ohnehin nicht mehr sein als ein langer Prolog, ähnlich dem ersten Band von Kings „Turm“ …

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    1. Sehr gern geschehen! Man könnte ja jetzt sagen: eine Hand wäscht die andere (nochmals großen Dank an deine konstruktive Kritik bei meinem Projekt an dieser Stelle), aber tatsächlich sieht’s so aus, dass es mir Spaß macht, deine Texte zu lesen – und wenn ich mit meiner Kritik dazu beitragen kann, dass es mir in Zukunft sogar noch mehr Spaß macht, sie zu lesen, habe ich danach sogar noch mehr davon. Meine Kritik ist also in dieser Hinsicht nicht ganz so selbstlos, wie sie womöglich wirken könnte. Wenn dabei zufälligerweise beide Hände sauber gewaschen werden, ist das jedoch selbstverständlich umso erfreulicher 😀

      Dann bin ich mal gespannt, was mir das Prolog sonst noch so auftischen wird. Besagtes Buch von Stephen King habe ich bisher noch gar nicht gelesen, aber das macht es für mich vielleicht sogar noch interessanter.

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  3. Kann ich so, im wechselseitigen Händeschütteln, nur, und zwar gerne, unterschreiben 🙂
    Und wenn Du ohnehin gern in alternativen Zeiten unterwegs bist, wäre Kings Turm durchaus etwas für Dich. Oder natürlich auch sein großartiges „Das letzte Gefecht“, falls Du das noch nicht kennen solltest.

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