3. Kapitel, 2. Szene

Das Rad klemmte.

Viel zu lange war niemand mehr durch dieses Schott gegangen, hatte keiner die Tür zur BIBLIOTHEK geöffnet. Simon gab Joshua seine Kerze, umklammerte mit beiden Händen den Kreis aus Metall und drehte. Muskeln spannten sich, sein ganzes Gewicht stemmte sich in das Handrad. Mike, der Bär, grinste wie er immer grinste und wollte schon seine Muskeln anbieten, als sich das Ding mit einem Ruck löste, aufkreischend in der leeren Nacht des gigantischen Schiffes. Stück für Stück drehte Simon weiter, bis er endlich den letzten, endgültigen Widerstand spürte. Tief atmete er ein, die anderen machten’s genauso, denn das Kerzenlicht flackerte im Bauch der MS Cohiba. Simon zog am Lukenschott. Mit einem spöttischen Stöhnen öffnete sich die Tür, schwang zu ihnen hinaus. Von innen kam Dunkelheit, ein ganz leises Summen und der Geruch nach Verdammnis. Ein Lufthauch auch, der das Kerzenlicht noch stärker ins Schwanken brachte, es aufzusaugen schien, gierig nach Sauerstoff. Simon schnupperte vorsichtig: Verwesung und Staub, trockene Kälte und, ja, Vergangenheit.

Er nahm seine Kerze Joshua ab und machte einen Schritt, noch einen, und die anderen vier Finger folgten dem Daumen. Nervös zappelndes Kerzenlicht warf taumelnde Schatten.

Ein eher kleiner Raum. Tische an den Wänden, Regale in der Mitte. Metallregale waren das mit einem dicken Schimmelbezug aus Rost. Angefüllt mit Büchern. Hastig stürzte Simon auf sie zu, zerrte eins hervor und zerbrach den Buchdeckel, als er es aufschlug. Die Seiten zerfielen zwischen sein Fingern. Kalter Staub und ein bitterer Geschmack. Verwesung und Vergangenheit, ja. Lorielle drängte sich neben ihn, streichelte zärtlich – wie über die Wange des Geliebten – einen Buchrücken und zog so sanft wie möglich. Aber auch sie hielt den abgebrochenen Einband in der Hand. Auch sie lauschte dem Rieseln von Papierstaub, diesem Ascheregen vergangener Zeit.
„Ha!“ Mike stürmte nach vorne, packte drei Bücher auf einmal und zermahlte sie mit einer Hand. „Ha! Da hast du deine Bibliothek, Grauauge! Ihr glaubt ja alle, ich bin dämlich, aber die Idee toppte ja wohl alles. Geh’n wir. Ich hab‘ Hunger.“
„Wartet.“ Theo war ein Stück tiefer in den Raum eingedrungen, beleuchtete mit der Kerze die an die Wände geschobenen Stühle und Tische. Darauf standen Kästen aus Plastik und flache Platten mit einzelnen Buchstaben-Quadraten.
Computer“, flüsterte Theo den Erinnerungs-Joker. Die anderen scharrten sich um ihn, widerwillig, fast ängstlich.
Bildschirm“, sagte Lorielle und zeigte auf eine verkrustete Scheibe, die ihr Gesicht noch durch die dicke Staubschicht hindurch spiegelte. Auch das ein vergessenes Wort – sie wussten es alle.
Theo zeichnete ein paar Striche in den Staub.
„Drück mal ein paar Knöpfe“, forderte Joshua Gillroy ihn auf, aber was Theo auch versuchte, die Maschinen blieben stumm und blind.

Simon Segur schüttelte sich. Die Luft würgte ihn, der Geschmack nach Verwesung kratzte auf der Zunge und im Hals. Mike hatte Recht. Das ganze war sinnlos wie ein Segel bei Flaute, dreimal Aye, Kap’tai. Er hatte sich und die anderen Mârins zum Narren gemacht.

„Was zum …“ Lorielle flüsterte nur. Sie hatte sich noch tiefer in die Bibliothek vorgetastet, stand entfernt von den anderen, halb verdeckt von Regalen mit unberührbaren Büchern. Das kümmerliche, nervöse Kerzenlicht in ihrer Hand strahlte ihr Gesicht von unten an, die anderen konnten darin lesen, entzifferten in den Schatten Abscheu, Trauer, Enttäuschung und eine, zwischen ihren schwarzen Pupillen und dem Augenweiß brodelnde, funkelnde, weit aufgerissene Angst.

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