3. Kapitel, 1. Szene

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Sie suchten drei, vier oder fünf Tage – wer wusste das schon. Die MS Cohiba war als einzelnes Schiff bereits groß gewesen, als Schlachtenkreuzer einer längst untergegangenen Flotte, über 100.000 Bruttoregistertonnen, das wusste Theo sehr wohl noch, auch wenn ihm nicht mehr klar war, was diese Tonnen registrieren und zeigen sollten. Außer dass sie sehr schwer war und groß, die alte MS Cohiba. Dann, als die Schiffe der Seelords zu den letzten Orten wurden, auf denen Menschen leben konnten, da hatte sich die Cohiba gestreckt und gereckt, war durch Verstrebungen, Ausleger und Anbauten noch größer geworden: eine schwimmende Stadt aus Containern und Bootsrümpfen, aus Plastik, Metall und Holz. Kein Schlachtschiff mehr sondern eine Insel. Die fünf Mârins hatten ihr Leben auf der MS Cohiba verbracht, waren hier ausgebildet worden. Die See hatte sie zu Seelords gemacht. Und auf das Meer hinaus war die Menschheit geflüchtet, als die Erde einen Schubs bekommen hatte, auf das Meer, weg vom Blick der Medusa, von der Seuche der tödlichen Gorgone, auf die Wellen hinaus, wo die Meduse keine Macht zu haben schien – warum auch immer. Dort, auf salznassen Ozeanen, die sie mit Schiff-Städten befuhren, atmete die Menschheit ihre letzte Luft, fraß ihre Henkersmahlzeit aus Tang und Dosennahrung und leistete ihre letzten Stunden ab. Tausende starben mit der Zeit, wenige wurden geboren, noch mehr gingen von selbst ins Wasser. Auf der MS Cohiba hatte schließlich eine Krankheit die Besatzung innerhalb von Wochen auf einen winzigen Rumpf dezimiert – mit einem einzigen, gierigen Happs starben Hunderte. Sie hatten die Leichen verbrannt; der Rauch war tiefschwarz gewesen, parfümiert mit Entsetzen und Angst – wochenlang qualmten die Feuer. Wie viele Jahre war das her? Sie wussten es nicht. Sie wussten nur, dass sie noch fünf waren, die Zahl der Finger an einer Hand, eine gute Zahl. Aber eine kleine. Einziffrig nur noch, schrecklich geschrumpft, nicht mehr weit von der einen, allerletzten Ziffer entfernt.

Die Cohiba war groß, und obwohl die Mârins ihr ganzes – oder doch nur halbes? – Leben auf ihr verbracht hatten, gab es Schotten im Unterdeck, die sie noch nie geöffnet hatten, Stauhallen, von deren Existenz sie nichts wussten, Kabinenluken, hinter denen sich Prunk und Gold türmten oder schwarzgraue Gefahren, die sie nicht ahnten. Das Schiff war groß und schwer, aber tot, ein im Eis gestrandeter Kadaver. Kein Motor dröhnte, kein elektrisches Licht leuchtete, keine Energie strömte. Die fünf suchten dennoch. Wo Bullaugen eisklirrendes Sonnenlicht hineinließen, hatten sie Glück, wo Dunkelheit die Räume belagerte, nutzten sie Kerzen. An Feuerzeuge erinnerten sie sich, dreimal Aye, Kap’tai, aber die Zippos und Bics hatten schon längst ihre letzten Benzin- und Gasvorräte weggesoffen. Nur Kerzen hatten die Mârins gefunden, zahlreich wie das Trockenfutter in der Kombüse, einen ganzen Frachtraum voll Kerzen und Streichhölzer.

Die fünf Finger der letzen Seelord-Hand drangen in die Dunkelheit der MS Cohiba ein, stiegen, jeder eine brennende Kerze haltend, Treppen hinunter und Gangways hinauf – eine fröstelnde Prozession in der Kälte von Stahl, Stille und Eis.

Sie suchten drei Tage oder vier oder fünf – wer wusste das schon. Sie suchten, bis Lorielle vor einem Schott unten im D-Deck hielt, schmierigen Staub von einem weiteren Schild wischte.
Und „Hier!“ rief.
Im Licht der fünf zusammengedrängten Kerzen entzifferten sie die Buchstaben: BIBLIOTHEK.
„Da soll mich doch …“ Theo kniff die Augen zusammen.
Mike schlug Simon Segur auf die Schulter, dass er taumelte, und dann grinste der Bär: „Mann, ich hätt nich‘ gedacht, dass es das Ding überhaupt gibt! Dreimal Aye!“
Auch Lorielle lächelte Simon an, während Joshua ihn dicht an die geschlossene Luke schob und ihm zunickte. „Los, mach schon.“
Simon nickte nicht. Kein Nicken, kein Lächeln, weder Grinsen noch zusammengekniffenen Augen – nur ein zögerndes Berühren des großen Handrads in der Mitte des Schotts. Jetzt, nachdem sie die Bibliothek gefunden hatten, spürte er keine Erleichterung, keine Neugier, sondern Angst. Ich will wissen, hatte er gesagt, aber wollte er wirklich? Was war eigentlich so schlecht an der versickernden Erinnerung, die aus ihnen hinaus tropfte und sie in gnädiger Ungewissheit zurück ließ?
Nichts, dachte Simon. Alles.
Zögernd packte er das Handrad der Luke.

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