2. Kapitel, 2. Szene

„Wir müssen etwas tun.“ Simon Segur zerrte die Kapuze vom Kopf. Die verstoppelten Wangen leuchteten bleich; in seinen Augen hatten Bergarbeiter eine Mine aus tiefen Höhlen geschürft – er hatte nicht geschlafen in dieser Nacht. War über den metallenen Boden am Deck der MS Cohiba gewandert, gepresst von der Kälte, verhöhnt von den Sternen, während die anderen mitschiffs ihre Totenwache für Francis abgehalten hatten.
„Wir müssen, versteht ihr?“
„Bah!“ Mike, der Bär, winkte ab. „Das haben wir doch schon hundert Mal durchgekaut.“
„Dann kommt jetzt eben hundertundeins. Du frisst doch so gerne.“
„Kein Streit, Simon.“ Joshua Gillroys Hand tätschelte Segurs Arm, beruhigend und bestimmt. Auch seine Augen beruhigten den Freund. „Sag einfach, was du willst.“
„Ich will … wissen.“ Simon riss sich auch den Mantel vom Körper, er schwitzte hier unten, und die Finger seiner linken, der Schusshand, tasteten zur P 12, zuckten nervös am Pistolenhalfter, bevor sie sich widerwillig zurückzogen.
„Ich will wissen“, begann er nochmal, mit einer rauen Stimme, einer neuen Stimme, geboren in Kälte und Nacht. „Mike“, wandte er sich an den Bär, „was war dein Lieblingsessen als Kind? Lorielle!“ Er drehte sich zu ihr. „Wann hast du zum ersten Mal einen Jungen geküsst? Und du Theo, wann hat deine Mutter dir eine Umarmung verpasst oder eine Ohrfeige? Verdammt, Joshua, ich will wissen, wie lange wir schon in diesem Sarg aus Eis eingeschlossen sind.“
„Ein Jahr vielleicht“, antwortete Gillroy sofort.
„Oder zwei“, sagte Lorielle.
„Drei, vier? Wer bietet mehr.“ Theo lächelte müde und strich sich durchs graue Haar. „Simon, wir können nichts tun. Die Zeit hat sich … verändert. Und unsere Erinnerungen sind nur noch wie diese beschissenen Eisschollen da draußen, die mal näher heran treiben, mal weiter weg ziehen oder komplett schmelzen. Alles hat sich verändert.“
„Ja, Mann.“ Das war Mike. „Die Erde hat einen Schubs bekommen.“
Simon lächelte bitter. Er wusste das alles. Natürlich. Ihre Erinnerung zerfiel in den Köpfen, und die Welt, ja, sie hatte einen Schubs bekommen, wie die Leute gesagt hatten. Ein putziger Satz, eine wahrhaft menschliche Bezeichnung für den gräßlichen Untergang.
Ein Schubs.
„Wir sollten“, beharrte Simon, „noch ein letztes Mal nach der Bibliothek suchen.“
„Ohne mich, Mârin!“ Mike schüttelte seinen massigen, kahlgeschorenen Kopf.
„Wozu, Simon?“ Theo blickte ihn an. Schaute in Simons gefühllose Augen, grau wie, ja wie die eines … eines Tiers, so etwas wie ein Hund … Eines Wolfs, lachte der Erinnerungsjoker in Theos Kopf. Lachte und verschwand, nicht ohne eine klappernde Wörterschnur hinter sich herzuziehen. Manchmal, ay, da spielte der Joker gleich sein ganzes Blatt aus, dann folgten auf ein Wort zehn oder zwanzig oder hundert, sinnlose Karten, die erschreckend durch ihre Gedanken rauschten. Ein Wolf? Ein Tier, ein Hund? Und schon wurde eine Spielkarte nach der anderen abgeworfen, rasch, unbarmherzig, immer schneller werdend: Bernhardiner, Hyäne, Kojote, Löwe und Tiger, Windhund, Windhose, Wolfsblut, Schneewittchen – und es dauerte lange, bis Schluss war. Manchmal aber ließ der Erinnerungsjoker sich nicht in die Karten schauen: ein Wort, das im Kopf auftauchte wie ein Seehund im Eisloch. Und wieder weg war. Nur ein einziges Wort.
Theo, sich durch die restlichen Weißhaare fahrend, wiederholte ebenfalls nur eines: „Wozu?“
Auch Lorielle zerrte an ihrem Haar, hielt eine der Locken so fest, als wolle sie sie zwischen den Fingern zerdrücken. „Wir haben irgendwann“, sagte sie leise, „aufgehört, die Tage zu zählen. Wir hörten auf, die Zeit zu beachten. Wir schlafen, wenn es dunkel wird, und stehen auf, wenn die Sonne sich den Himmel hinauf quält. Vielleicht hat Simon Recht. Wir dürfen nicht alles vergessen. Unsere Erinnerung sind jetzt schon Fischernetze: mehr Löcher als Strick.“
„Joshua?“ Simon schaute zu dem Mârin, den er am besten kannte, der sein Freund war.
Zögernd nur – aber was soll’s, ein Nicken war schließlich ein Nicken – musterte der seine Kameraden: „Warum nicht“, sagte Joshua Gillroy leise.

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