Reim, Reimer am Reimsten

In den bisherigen Beiträgen dieser Rubrik „Werkzeuge für Autoren“ schrieb ich über Notizbücher, die Online-Version des Grimmschen Wörterbuchs und den Streaming-Dienst focus@will. Auch das heutige Werkzeug findet sich vorwiegend im WorldWideWeb: das Reimlexikon.

Der Reim ist ziemlich tot in deutscher Lyrik. Kein heutiger Dichter wird Reime ernsthaft verwenden – letzte, nicht unumstrittene Ausnahme war Peter Rühmkorf. Die einzige Existenzberechtigung, so scheint es heute, für einen Reim liegt im komischen Bereich, was etwa F. W. Bernstein („Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche”) oder Robert Gernhardt („Die schärfsten Kritiker der Molche / waren früher ebensolche”) eindrucksvoll veranschaulichen. Ernsthaft reimen dagegen ist hier und heute kaum mehr möglich – die Zeiten etwa von Erich Kästners großartigem Die Maulwürfe sind vorbei.

Dennoch übt diese Kunstform auf viele nach wie vor eine starke Anziehungskraft aus. Nicht oft, aber immer mal wieder reime ich, sei’s aus Spaß an der Freud, sei’s für Gedichte in historischen oder phantastischen Romanen, sei’s für die Liebste oder einfach für mich selbst. Eins dieser Poeme landete sogar in einem Deutsch-für-Fremdsprachler-Lehrbuch vom Klett-Verlag in direkter wie schmeichelhafter Nähe zu Mörikes Frühlingsgedicht „Er ist’s“:

Der Sommer_Gedicht_Krüger
Copyright: Klett-Verlag

Merkwürdige Vorstellung, dass zumindest eine Generation mutig Deutsch-Lernender sich mit meinen Versen herumschlagen musste …

Zurück zum eigentlichen Werkzeug-Tipp: Küsste mich ganz früher die reimende Muse, so suchte ich mir die passenden Wörter selbst zusammen. Denn lange Zeit weigerte ich mich, die Hilfe eines Lexikons anzunehmen und wurde in dieser Meinung etwa bestätigt durch Kurt Tucholskys vor Spott triefender, im Jahr 1914 geschriebener Kritik des Reimlexikons von Willy Steputat. Ein echter Dichter, so dachte ich, empfände doch wohl die Nutzung eines Lexikons als Schmach.

Irgendwann knickte ich ein. Und lernte rasch die Vorzüge eines Reim-Lexikons entweder in papierener oder computerisierter Form kennen: Reclams elektronisches Reimlexikon gab es da, mit dem Untertitel: Die Gedichte-Software!

reclam_reimlexikon

Das Ding war nicht schlecht – besonders hervorzuheben ist die Unterscheidung zwischen nebentonigenen und unbetonten Endreimen: Sauber reimt sich auf „denn” beispielsweise „wenn” oder „renn!” Unsauberes Dichten reimt auf „denn” etwa „gehen” oder, hm, meinetwegen „Harpyien”. Unschätzbarer Vorteil des reclamschen Programmes war diese Differenzierung.

Mittlerweile nutze ich freilich die noch bequemeren, weil meine Festplatte nicht belastenden Reimlexika im Internet. Mittlerweile herrscht dort eine so große wie kostenlose Vielfalt. Der größte Vorteil dieser Seiten: Wahnsinnig viele Reimwörter werden datenbänkisch zusammengetragen – da findet wirklich jedes Wort einen passenden Partner. Größter Nachteil dabei: Wahnsinnig viele Reimwörter – man verliert dabei auch etwas, nämlich den Überblick. Die Vorschläge werden teilweise ungefiltert aufgelistet – von nebentonigen Endreimen ganz zu schweigen.

An einem Beispiel habe ich vier Internet-Reimmaschinen getestet. Es handelt sich bei allen um Endreim-Sucher – es bringt also nicht so viel (obwohl’s mittlerweile möglich ist), ein ganzes Wort einzugeben. Normalerweise nutzt der Nutzer in althergebrachter Weise die letzte oder letzten Silben. Auf meine Testanfrage „-ichten” entdeckte reimlexikon.net 128 Reimwörter (allerdings mit ständigen Wiederholungen von Varianten wie „abdichten“ und „abzudichten“, die lyrikecke 132 (ohne solch seltsame Varianten) und die Seite garantiert-deutsch.de nur 112 – dafür sieht die Liste dort sehr malerisch aus, da die Reimwörter nach Länge geordnet sind. Bei meinem Beispiel ging das von „lichten“ bis „Temperaturgrenzschichten“. Knapper Spitzenreiter war schließlich 2rhyme mit 146 Treffern – allerdings wiederholten sich auch hier wieder Verben mit der „zu“-Variante (ablichten und abzulichten). Darüber hinaus schoben mir einige dieser Webseiten auch ein „beichten“ unter – Diphtonge werden also nicht überall unterschieden.

Egal – hilfreiche Werkzeuge sind diese vier Seiten auf alle Fälle; mir persönlich erscheint reimlexikon.net am professionellsten. Aber wie gewarnt: So sehr man/frau sich über die Vielzahl der aufgelisteten Möglichkeiten freuen mag, so enervierend kann die Sichtung der Reimwörter werden – zumal immer mal wieder Doubletten auftauchen.

So. Unweigerlich schreit ein solcher Blog-Beitrag nach einem gedichteten – wenn auch nur zum Teil gereimten – Abschluss. Und da das aktueller Wetter absolut nicht zum Februar passt sondern eher an Oktober gemahnt, hier ein Herbstgedicht:

Uwe_Krüger_Sonnenaufgang
Quelle: krueger-naturfoto.de

Laubbäume schwitzen
ihre Farbe aus.

Eicheln spritzen
unter den Rädern.

Stumpfe Messer
die Sonnenstrahlen,

leere Fässer
die Stämme im Wald.

Der Sommer ist ein langer Roman.
Der Herbst: farbige Kurzgeschichten.

Viel Freude beim Reimen wünscht
Ihr und Euer
Simon Segur

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5 Gedanken zu “Reim, Reimer am Reimsten

      1. Ich bin kein Reim-Fan, dafür gibt’s keinen bestimmten Grund, ist halt so. Schön ist aber Dein Gedicht. Der Sommer ist ein langer Roman … Hach. Das wäre auch ein ganz hervorragender Titel, finde ich. Und in dem Lehrbuch hab ich ne Menge Unds gefunden in Deinem Text. Sehr schön 😉
        Lyrische Grüße. Julia

        Gefällt 1 Person

  1. Ja, das Reimen und ist bleibt ein merkwürdig zwiespältiges Schwert – irgendwie ist’s seltsam. Ich wünschte mir die selbstverständliche Gelassenheit früherer Tage zurück, wo man/frau ganz ohne Kompromiss und Zweifel reimen konnte …
    Und Dank für das Lob 🙂

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    1. An das Früher kann ich mich nicht erinnern 😉 Kompromissloses Reimen … klingt aber auch so interessant. Ich schätze, Du könntest es Dir zurückholen. Aber bitte nicht, bevor das Projekt beendet ist 🙂

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