2. Kapitel, 1. Szene

Wenn die Nacht sich zu ihrer vollen Größe aufgerichtet, in ihr tiefstes Schwarz gehüllt hatte, schlief selbst der Lärm: Das zerreißende Knirschen der Eisschollen verstummte. Nachts war es so kalt, dass auch das Eis nicht mehr schrie sondern nur noch in hohen, fast unhörbaren Lagen klirrte. Harfenähnlich säuselte dann das starre Meer, ein Schlaflied gefrorenen Wassers. In der Dunkelheit wohnten Kälte, leiser Gesang – und Simon Segur, der sich Nacht für Nacht als lauschender Gast ans Oberdeck schlich. Kein Lärm, kein grelles, tausendfach durch Eis verstärktes Licht, keine Mykros, die sich ohne Sonne nicht bewegen konnten. Manchmal überlegte Simon, wo dieses Dreckszeug sich wohl zum Schlafen verkroch und ob sie hungrig aufwachten am nächsten Morgen.

Kein Lärm in der Nacht, aber auch keine Gespenster-Stille, jene atemanhaltende Sprachlosigkeit, wenn die Erinnerungs-Joker Trumpf spielten. Dafür das Singen von Eiskristallen und sein dampfender Atem. Das Licht der Sterne, zu denen Simon hinauf starrte und von denen er zu wissen glaubte, dass man ihren Kombinationen früher Namen gegeben hatte.
Simon Segur spürte nach, stieß tief in seinen Kopf hinein. Aber der war genauso groß und leer wie der Nachthimmel. Kein Echo. Kein Wort, das sich richtig anfühlte. Oder doch?
„Stern … bilder“, murmelte der Mârin zögernd. Schnalzte mit der Zunge, schmeckte das Wort, wartete geduldig, aber erfolglos. Keine Erinnerung. Kein Bild. Nur dieses fetzenhafte Wort, herausgerissen aus einem Leben, das nicht seines war.
Simon starrte in den Nachthimmel, lange, lehnte sich an eine Wand der Aufbauten an Deck der MS Cohiba und dachte an seinen Ausbilder. Nathan Ross, den Schinder. „Mârin“, würde der ihn jetzt anschnauzen, „die Wand steht auch ohne dich. Rücken grade!“
Aber Ross war so tot wie die anderen tausend Seelords, so tot wie ein von den Gezeiten abgenagtes Tau im Wind.
So tot wie Francis.
Segur schüttelte sich und machte ein paar Schritte das Oberdeck entlang. Die Kälte bohrte sich unter seine Haut wie ein Mykrosschwarm, und eine Unruhe ohne Begründung mischte sich unter sie. Simon blickte auf die nachtdunkle Fläche aus Eis, ohne Anfang, ohne Ende, ließ seine Augen durch die Nacht streicheln und versuchte sich zu erinnern, wie lange sie eigentlich schon vom Eis eingeschlossen waren. Wie lange lag die MS Cohiba jetzt schon hier, ein gefrorener Kadaver im weißen Nichts?
Es fiel ihm nicht ein.
Ein Schauer huschte über seinen Rücken, eine bösartig kratzende Hand, die nichts mit der Kälte zu tun hatte: Ich erinnere mich nicht.

Unten im Bauch des Schiffes nahmen sie Abschied. Mike hatte den Körper entkleidet und gewaschen. Eine neue Uniform aus Francis’ Spind geholt, geschmückt mit Symbolen, Zeichen und Orden, die keiner der Mârins mehr verstand. Hatte ihm das Eis aus dem Bart gekratzt. Ihn mittschiffs in einem der hohen, kalten Lagerräume aufgebahrt, einer Halle, die Echos von den Schotten warf und so zum Flüstern zwang. Zum Schweigen.
Zum Abschied.
Jetzt stand Mike, der Bär, neben der Leiche und studierte aufmerksam das tote Gesicht seines Kameraden. Mike wusste natürlich, dass die anderen über ihn lachten. Sie nahmen ihn nur ernst, wenn es ans Kämpfen ging. An die Ausführung von Befehlen, an die schnellste Zeit von A nach B, an die Treffsicherheit seiner Kugeln. Die Stärke seiner Muskeln, denen nicht mal Joshuas Bizeps gewachsen waren. Mike mochte nicht so schlau sein wie die anderen, aber derart dumm war er nicht, dass er nicht merkte wie sie seiner schlechten Witze müde waren. Doch all das spielte keine Rolle. Wichtig war nur eines: Mike, der Bär, gehörte zu den Mârins, war genau wie die anderen einer der letzten Seelords. Sie würden für sein Leben vielleicht nicht ihr eigenes geben – nicht mehr – aber eine Hand oder ein Bein. Und das war genug. Mehr als genug.
Mike grinste, er konnte nicht anders. Beugte sich hinunter zu dem Körper des Toten und winkte die anderen heran. Legte die gestreckte Hand an die Stirn und murmelte, was man in ihrer Welt vor dem Einschlafen sagte: „Glückliche Träume und ein bewegtes Erwachen, Mârin.“
Er nickte Lorielle, Josh Gillroy und dem grauhaarigen Theo zu, die sich im Kreis um Francis schoben. Leise flüsternd ihre Abschiedsworte, Dankessätze und Wünsche auf den kalten Körper hinunterfallen ließen.
Die Totenwache hatte begonnen.

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